Meine Gedanken zum Streaming während einer Arbeitsunfähigkeit (Krankschreibung).

Dieser Artikel lag nun eine ganze Weile in meinen Entwürfen. In letzter Zeit bin ich auf Twitch allerdings wieder häufiger auf Menschen gestoßen, die offen darüber sprechen, dass sie aktuell krankgeschrieben sind, gleichzeitig aber mehrere Stunden streamen. Teilweise handelt es sich dabei mindestens um Twitch-Affiliates, deren Kanäle also grundsätzlich Einnahmen über Werbung, Abonnements oder Bits erzielen können.

Dabei geht es um ganz unterschiedliche Erkrankungen. Mal sind es Erkältungen, mal Rückenprobleme, mal psychische Belastungen. Von außen kann und möchte ich nicht beurteilen, wie krank jemand tatsächlich ist oder welche Tätigkeiten ärztlich empfohlen bzw. verboten wurden. Trotzdem lässt mich das Thema nicht los.

Wie ist es eigentlich rechtlich, wenn man im Hauptberuf arbeitsunfähig geschrieben ist, nebenbei aber auf Twitch streamt? Und welche Konsequenzen könnte das möglicherweise haben?

Vorweg der notwendige Hinweis: Ich bin keine Juristin. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung, sondern meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen. Wer selbst betroffen ist, sollte im Zweifel ärztlichen oder rechtlichen Rat einholen.

Was bedeutet eine Krankschreibung eigentlich?

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bedeutet nicht automatisch, dass man zu Hause im Bett liegen und jede Aktivität einstellen muss. Sie ist auch kein allgemeines Beschäftigungsverbot.

Arbeitsunfähig ist man, wenn man seine bisherige berufliche Tätigkeit aufgrund einer Erkrankung nicht ausüben kann oder wenn die Arbeit den gesundheitlichen Zustand voraussichtlich verschlimmern würde.

Das bedeutet auch: Nicht jede Freizeitaktivität, die während einer Krankschreibung möglich ist, beweist automatisch, dass jemand eigentlich arbeiten könnte. Ein Spaziergang, ein Restaurantbesuch oder eine andere ruhige Beschäftigung können je nach Erkrankung vollkommen unproblematisch oder sogar hilfreich sein.

Entscheidend ist vielmehr, ob das eigene Verhalten der Genesung entgegensteht und ob es zur festgestellten Arbeitsunfähigkeit passt.

Gilt die Krankschreibung automatisch auch für jede Nebentätigkeit?

Nicht zwingend. Eine Arbeitsunfähigkeit bezieht sich grundsätzlich auf die konkrete berufliche Tätigkeit.

Wer beispielsweise körperlich schwer arbeitet und aufgrund einer Verletzung nicht heben oder lange stehen darf, könnte möglicherweise trotzdem eine leichte Tätigkeit im Sitzen ausüben. Umgekehrt kann eine Tätigkeit am Computer bei Rückenproblemen, Migräne oder psychischen Belastungen gerade nicht unproblematisch sein.

Deshalb lässt sich nicht pauschal behaupten, dass jede Nebentätigkeit während einer Krankschreibung verboten ist. Ebenso falsch wäre allerdings die Annahme, dass alles erlaubt sei, solange es nur Spaß macht oder von zu Hause aus stattfindet.

Entscheidend bleibt immer der Einzelfall.

Ob eine Nebentätigkeit dem Arbeitgeber gemeldet werden muss, hängt unter anderem vom Arbeitsvertrag und der konkreten Tätigkeit ab. Eine allgemeine Genehmigungspflicht besteht für Angestellte nicht. Berührt die Nebentätigkeit jedoch berechtigte Interessen des Arbeitgebers oder sieht der Arbeitsvertrag eine Anzeigepflicht vor, muss sie mitgeteilt werden.

Genau an diesem Punkt wird Twitch interessant. Denn sobald ein Kanal regelmäßig betrieben wird und Einnahmen über Werbung, Subs oder Bits möglich sind, kann das Streaming nicht mehr ohne Weiteres nur als private Freizeitbeschäftigung betrachtet werden.

Ist Twitch-Streaming Arbeit oder nur ein Hobby?

Genau hier wird es kompliziert.

Viele Menschen sehen Streaming in erster Linie als Hobby. Man spielt ein Computerspiel, redet mit dem Chat und verbringt Zeit mit der Community. Das klingt zunächst nicht nach klassischer Arbeit.

Ein Stream besteht aber nicht nur daraus, gemütlich vor dem Computer zu sitzen. Man muss über längere Zeit aufmerksam sein, sprechen, reagieren, unterhalten und den Chat beobachten. Hinzu kommen häufig Vorbereitung, Moderation, technische Betreuung und die Pflege des eigenen Kanals.

Wer am Affiliate-Programm von Twitch teilnimmt, kann außerdem Einnahmen über Abonnements, Werbung und Bits erhalten. Wird der Kanal regelmäßig und mit Einnahmeerzielungsabsicht betrieben, kann das Streaming eine selbstständige oder gewerbliche Nebentätigkeit darstellen.

Der Affiliate-Status allein beantwortet zwar noch nicht automatisch jede arbeitsrechtliche Frage. Er macht es aber schwerer, einen mehrstündigen öffentlichen Stream einfach als rein private Freizeitbeschäftigung darzustellen.

Das Internet vergisst schließlich selten etwas. Und ein öffentlich angekündigter Drei-Stunden-Stream ist im Streitfall deutlich sichtbarer als eine halbe Stunde auf dem heimischen Sofa zu spielen.

Wann kann Streaming problematisch werden?

Problematisch kann es insbesondere werden, wenn der Stream die Genesung verzögert oder wenn das gezeigte Verhalten nicht zur angegebenen Arbeitsunfähigkeit zu passen scheint.

Wer beispielsweise wegen starker Stimmprobleme krankgeschrieben ist und anschließend stundenlang im Stream spricht, könnte Erklärungsbedarf bekommen. Das Gleiche gilt, wenn langes Sitzen, Bildschirmarbeit, Stress oder eine dauerhafte Konzentration der Genesung entgegenstehen.

Auch bei psychischen Erkrankungen lässt sich von außen nichts pauschal beurteilen. Ein ruhiger Stream kann für manche Menschen stabilisierend wirken. Für andere kann die dauerhafte Interaktion mit Zuschauern, der Leistungsdruck oder die Konfrontation mit Kommentaren eine zusätzliche Belastung darstellen.

Genau deshalb finde ich es schwierig, einzelne Menschen allein anhand eines Streams zu verurteilen. Zuschauer kennen weder die genaue Diagnose noch die beruflichen Anforderungen oder die ärztlichen Empfehlungen.

Trotzdem sollte sich jeder Streamer ehrlich fragen, wie das eigene Verhalten auf einen Arbeitgeber, Kollegen oder die Krankenkasse wirken könnte.

Welche Konsequenzen könnten drohen?

Wenn ein Arbeitgeber aufgrund einer Nebentätigkeit Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit bekommt, kann der Beweiswert der ärztlichen Bescheinigung im Streitfall erschüttert werden. Dann kann es notwendig werden, die tatsächliche Arbeitsunfähigkeit genauer darzulegen.

Besonders kritisch wird es, wenn eine Erkrankung nur vorgetäuscht wurde oder wenn jemand bewusst etwas tut, das die Genesung verzögert. In schweren Fällen können arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zu einer Kündigung möglich sein.

Auch die Entgeltfortzahlung oder ein späterer Krankengeldbezug können zum Thema werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Krankenkasse wegen eines einzelnen Streams automatisch das Krankengeld streicht. Dafür müssen die konkreten Umstände geprüft werden. Pauschale Aussagen wären hier unseriös.

Wer während einer längeren Arbeitsunfähigkeit Krankengeld erhält und gleichzeitig eine selbstständige Tätigkeit ausübt oder Einnahmen erzielt, sollte die Situation unbedingt vorher mit der Krankenkasse klären. Heimlich darauf zu hoffen, dass schon niemand den Stream entdeckt, ist keine besonders belastbare Strategie.

Die moralische Seite der zusätzlichen Zeit

Unabhängig von der rechtlichen Bewertung empfinde ich noch einen anderen Punkt als zwiespältig: Durch eine Krankschreibung fällt die Arbeitszeit im Hauptberuf weg. Dadurch entstehen plötzlich mehrere freie Stunden, die man normalerweise nicht zur Verfügung hätte.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ein kranker Mensch den ganzen Tag bewegungslos im Bett liegen muss. Freizeit und Erholung gehören zur Genesung dazu. Für mich macht es aber einen Unterschied, ob ich diese Zeit privat verbringe oder sie gezielt in eine monetarisierte Nebentätigkeit stecke.

Wenn ich normalerweise acht Stunden in meinem Hauptberuf arbeiten würde, hätte ich in dieser Zeit keine Möglichkeit, zusätzlich zu streamen und damit Einnahmen zu erzielen. Nutze ich genau diese durch die Krankschreibung frei gewordenen Stunden für meinen Nebenerwerb, hinterlässt das bei mir persönlich ein ungutes Gefühl.

Rechtlich mag eine solche Tätigkeit im Einzelfall zulässig sein, etwa wenn sie die Genesung nicht behindert und sich deutlich von der Tätigkeit im Hauptberuf unterscheidet. Trotzdem stellt sich für mich die Frage nach der Fairness: Bin ich tatsächlich arbeitsunfähig oder verlagere ich meine Arbeitskraft gerade lediglich in einen anderen Bereich?

Gerade bei einem öffentlichen und monetarisierten Stream würde ich mich deshalb fragen, wie die Situation auf meinen Arbeitgeber und meine Kollegen wirkt. Während sie meine Aufgaben auffangen oder der Arbeitgeber weiterhin Entgelt zahlt, nutze ich die gewonnene Zeit möglicherweise, um mit meiner Nebentätigkeit zusätzliches Geld zu verdienen.

Für mich persönlich wäre diese Grenze überschritten. Das ist keine allgemeingültige rechtliche Bewertung, sondern meine eigene Haltung.

Meine persönliche Haltung

Für mich selbst habe ich eine klare Regel: Wenn ich in meinem Hauptberuf krankgeschrieben bin, streame ich in dieser Zeit nicht.

Mir ist bewusst, dass diese persönliche Entscheidung strenger sein kann als das, was rechtlich in jedem denkbaren Einzelfall erlaubt wäre. Trotzdem fühlt sie sich für mich richtig an.

Ich betreibe meinen Twitch-Kanal nicht vollkommen losgelöst von meiner beruflichen Tätigkeit. Ich bin Affiliate, habe dafür ein Gewerbe und könnte mit einem Stream Einnahmen erzielen. Deshalb sehe ich das Streaming nicht ausschließlich als private Freizeitbeschäftigung.

Außerdem möchte ich weder meine Genesung gefährden noch in die Situation geraten, meinem Arbeitgeber oder meiner Krankenkasse erklären zu müssen, weshalb ich mehrere Stunden live war, während ich meine eigentliche Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht ausüben konnte.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der während einer Krankschreibung streamt, automatisch etwas Verbotenes tut. Dazu sind Erkrankungen, Berufe und Lebenssituationen zu unterschiedlich.

Aber nur weil etwas technisch möglich ist und sich niemand sofort beschwert, ist es noch lange nicht klug.

Lieber einmal mehr nachdenken

Wer während einer Krankschreibung streamen möchte, sollte sich daher einige ehrliche Fragen stellen:

Passt das Streaming zu meiner Erkrankung? Könnte es meine Genesung verzögern? Handelt es sich noch um eine private Beschäftigung oder bereits um eine entgeltliche Nebentätigkeit? Was würde mein behandelnder Arzt dazu sagen? Und wie würde der Stream wirken, wenn mein Arbeitgeber ihn zufällig sieht?

Man muss sich nicht bei jeder Krankheit vollständig aus dem Internet zurückziehen. Aber ein öffentlicher und möglicherweise monetarisierter Stream ist etwas anderes als privat ein Spiel zu starten oder mit Freunden im Discord zu sitzen.

Im Zweifel halte ich es deshalb für sinnvoller, den Stream ausfallen zu lassen und sich wirklich die Zeit zur Erholung zu nehmen. Die Community läuft nicht weg. Und sollte sie wegen einiger Krankheitstage tatsächlich verschwinden, war sie vermutlich ohnehin nicht besonders stabil.

Quellen und weiterführende Informationen

Die Techniker Krankenkasse weist darauf hin, dass eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein grundsätzliches Arbeitsverbot darstellt. Entscheidend ist, ob eine Person ihre konkrete berufliche Tätigkeit ausüben kann und ob eine vorzeitige Arbeitsaufnahme die Genesung gefährden oder den Gesundheitszustand verschlimmern könnte.

Die Techniker: „Dürfen Beschäftigte trotz Krankschreibung arbeiten?“
https://www.tk.de/firmenkunden/service/fachthemen/versicherung-fachthema/trotz-krankschreibung-arbeiten-2170222

Ergänzend erklärt die Techniker, dass eine Person als arbeitsunfähig gilt, wenn sie ihre aktuellen beruflichen Aufgaben krankheitsbedingt nicht erfüllen kann oder sich die Erkrankung durch die weitere Arbeit verschlimmern würde. Die Beurteilung hängt daher auch von der jeweiligen Tätigkeit ab.

Die Techniker: „Wann gilt jemand als arbeitsunfähig krank?“
https://www.tk.de/firmenkunden/versicherung/versicherung-faq/entgeltfortzahlungsversicherung/wann-gilt-jemand-als-arbeitsunfaehig-krank-2037126

Stand der verlinkten Informationen: Juli 2026. Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar.

Wie seht ihr das?

Habt ihr selbst schon einmal darüber nachgedacht, wie sich eine Krankschreibung auf eine selbstständige Nebentätigkeit oder das Streaming auswirkt?

Wo zieht ihr persönlich die Grenze zwischen einer Freizeitbeschäftigung und Arbeit?