Wer mich kennt, weiß, dass ich in den sozialen Medien oder auf meinem Blog nur selten über meine psychischen Diagnosen spreche. Das liegt nicht daran, dass ich mich dafür schäme oder daraus ein Geheimnis machen möchte. Ich finde nur, dass Diagnosen nicht automatisch das Bild bestimmen sollten, das andere von mir haben.

Eigentlich habe ich ziemlich lange überlegt, ob ich überhaupt über meine ADHS-Diagnose schreiben möchte. Während ich an diesem Artikel gearbeitet habe, habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie viel ich davon wirklich öffentlich erzählen will. Dabei ist ganz nebenbei ein anderer Beitrag entstanden: „Wie viel Privates gehört eigentlich in einen Blog?

Denn genau diese Frage hat mich beim Schreiben ständig begleitet. Wo endet persönliches Erzählen und wo beginnt ein Bereich, den ich lieber für mich behalte?

Vielleicht steckt dahinter auch die Sorge, dass jemand denken könnte, ich wolle mich damit in den Mittelpunkt stellen. Im Internet begegnet mir immer wieder das „Das liegt an meinem ADHS“, wenn irgendein Verhalten erklärt werden soll. Genau das möchte ich für mich nicht. Ich möchte weder ständig verkünden, dass ich ADHS habe, noch künftig alles darauf schieben.

Und trotzdem schreibe ich diesen Artikel.
Denn ja: Ich habe vor Kurzem eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter bekommen. Und plötzlich ergibt erstaunlich vieles in meinem Leben mehr Sinn.

Hat doch jeder ADHS

Vielleicht denkt jetzt irgendwo jemand: „Ach nein, nicht noch eine mit ADHS! Hat das inzwischen nicht jeder?”

Ich kann diesen Gedanken sogar ein Stück weit nachvollziehen. ADHS ist in den letzten Jahren deutlich sichtbarer geworden – gerade in den sozialen Medien. Manchmal wirkt es tatsächlich so, als würde plötzlich jede Vergesslichkeit, jedes Aufschieben und jedes Chaos damit erklärt.

Gerade deshalb halte ich eine vernünftige Diagnostik für so wichtig. Hinter einer ADHS-Diagnose steckt mehr als ein Online-Test und das Gefühl, sich in einigen typischen Beschreibungen wiederzufinden. Es geht um ein Muster, das sich über Jahre und verschiedene Lebensbereiche hinweg zeigt, um die eigene Entwicklung und die Kindheit. Es geht auch darum, andere mögliche Erklärungen für bestimmte Schwierigkeiten nicht auszublenden.

Dass heute häufiger über ADHS gesprochen wird, macht eine fachärztlich gestellte Diagnose deshalb nicht weniger real. Vielleicht führt die größere Sichtbarkeit aber tatsächlich dazu, dass mehr Erwachsene anfangen, Dinge abklären zu lassen, die früher übersehen wurden.

Kurz erklärt: Was bedeutet ADHS?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Dabei geht es nicht darum, Aufmerksamkeit von anderen haben zu wollen, sondern unter anderem um Schwierigkeiten bei der Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulsen und Aktivität.

ADHS kann sich unterschiedlich zeigen: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv oder kombiniert. Deshalb müssen Menschen mit ADHS keineswegs alle laut, ständig sichtbar hibbelig oder besonders vergesslich wirken.

Eigentlich war ich wegen etwas ganz anderem dort

Mit ADHS hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Eigentlich war ich wegen meiner bereits bestehenden psychischen Probleme beim Psychiater gelandet.

Seit 2007 bin ich mit längeren Unterbrechungen in psychotherapeutischer Behandlung. Die Therapie hat mir viel gebracht, aber in den letzten Jahren hatte ich zunehmend das Gefühl, nicht mehr wirklich weiterzukommen. Mitte 2025 teilte mir meine damalige Therapeutin mit, dass sie ihre Praxis zum Jahresende schließen werde. Eigentlich wollten wir noch gemeinsam besprechen, wie es danach für mich weitergehen könnte. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Nach einem abgesagten Termin (von ihrer Seite) im Herbst erhielt ich auf meine Nachfragen keine Antwort mehr und irgendwann war die Praxis geschlossen.

Nach einiger Zeit saß ich ziemlich verzweifelt bei einer meiner Hausärztinnen, die sich fast eine Stunde Zeit für mich nahm. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass kaum psychiatrische Diagnosen dokumentiert waren, obwohl ich bereits früher bei einem Psychiater gewesen war. Also musste ich mich erneut um einen Facharzttermin kümmern.

Davor hatte ich großen Respekt und teilweise sogar leichte Panik. Mein Kopf hatte natürlich sämtliche möglichen Horrorszenarien längst durchgespielt. Wie so oft vollkommen umsonst: Die Praxis war freundlich und der Arzt nahm sich Zeit für mich. Gleich am Ende des ersten Gesprächs fragte er mich schließlich, ob ich mich schon einmal mit ADHS bei Erwachsenen beschäftigt hätte. Er sehe bei mir einige Hinweise und würde dem gerne weiter nachgehen.

Ich schaute ihn vermutlich erst einmal ziemlich irritiert an. ADHS? Ich? Darüber hatte ich nie ernsthaft nachgedacht.

Es folgten mehrere Termine mit Gesprächen, Befragungen und Tests. Ich füllte Fragebögen aus, brachte meine alten Schulzeugnisse mit und beantwortete weitere Fragen zu meiner Kindheit und meinem bisherigen Leben. Und währenddessen passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich erkannte mich in erstaunlich vielen Punkten wieder.

Am Ende unserer Gespräche erklärte mir mein Psychiater, dass sich diese Auffälligkeiten wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen würden. Selbst in meinen alten Zeugnissen seien Hinweise darauf zu erkennen. Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben.

Plötzlich ergibt einiges mehr Sinn

Seitdem betrachte ich manche Dinge anders.

Ein Beispiel ist das Chaos im Kopf. Oft sind gefühlt zehn Gedanken gleichzeitig unterwegs, während ein elfter verzweifelt versucht, mich daran zu erinnern, was ich eigentlich gerade machen wollte. Hinzu kommt mein Overthinking. Ich analysiere Gespräche noch einmal, spiele mögliche Probleme im Voraus durch und denke sogar über Situationen nach, die wahrscheinlich niemals eintreten werden.

Auch mein Zeitgefühl ist nicht gerade zuverlässig. Ich erledige Dinge häufig auf den letzten Drücker. Manchmal, weil ich vollkommen unterschätze, wie schnell die Zeit vergeht. Manchmal aber auch, weil eine Aufgabe gedanklich einfach verschwunden ist. Sie war mir nicht egal. Sie war nur plötzlich nicht mehr auf meinem inneren Radar.

Bis sie kurz vor der Deadline mit Sirenen und Blaulicht zurückkehrt.

Ähnlich ist es mit Nachrichten. Ich lese etwas, denke mir: „Darauf antworte ich später in Ruhe“, und bin fest davon überzeugt, dass ich das auch tun werde. Dann vergeht ein Tag, vielleicht noch einer, und irgendwann fällt es mir wieder ein. Ab diesem Punkt kommt oft nicht einfach die Antwort, sondern erst einmal das schlechte Gewissen.

Jetzt ist es peinlich. Die andere Person denkt bestimmt, ich sei ihr egal. Wieder etwas verbummelt. Wieder versagt.

Einige meiner Freunde kennen das mittlerweile von mir. Wenn ich mich nicht melde, schreiben sie einfach noch einmal. Langsam versuche ich zu lernen, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist. Ich möchte verlässlicher sein und bemühe mich auch darum. Aber vielleicht muss ich mich nicht jedes Mal komplett selbst zerlegen, wenn es einmal nicht funktioniert.

Nach außen funktioniert es doch

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb bei mir so lange niemand ADHS auf dem Schirm hatte.

Ich funktioniere schließlich.

Ich arbeite, plane, organisiere und bekomme mein Leben grundsätzlich hin. Gerade bei Reisen kann ich sehr akribisch werden. Ich prüfe vorher Unterkünfte, Wege, Parkplätze, Öffnungszeiten und Alternativen. Lange dachte ich, dass ich einfach gerne plane.

Das stimmt auch. Aber Planung gibt mir vor allem Sicherheit.

Ich möchte verhindern, dass etwas schiefgeht oder andere Menschen wegen mir enttäuscht sind. Also habe ich mir im Laufe der Jahre verschiedene Strategien angeeignet: Ich nutze Listen, Kalender, Erinnerungen, Kontrolle, feste Abläufe und vorausschauendes Planen.

Von außen kann das ziemlich organisiert aussehen. Was man nicht unbedingt sieht, ist, wie viel Energie dahintersteckt.

Und natürlich vergesse ich trotz aller Planung regelmäßig irgendetwas. Immerhin bin ich dann sehr professionell vorbereitet.

Warum wurde es früher nicht erkannt?

Auch darüber habe ich nach der Diagnose viel nachgedacht.

Viele haben bei ADHS noch immer das Bild des hyperaktiven Kindes im Kopf, das keine fünf Minuten stillsitzen kann und ständig im Unterricht dazwischenruft. ADHS kann jedoch ganz unterschiedlich aussehen. Neben der überwiegend hyperaktiv-impulsiven Form gibt es auch die vorwiegend unaufmerksame Form sowie eine Kombination aus beiden. Das, was früher häufig als ADS bezeichnet wurde, wird heute ebenfalls unter ADHS eingeordnet.

Gerade Mädchen können dadurch leichter übersehen werden, da sie weniger störend auffallen. Verträumtheit, Unorganisation, Abschweifen oder starke Anpassung sind eben weniger offensichtlich als ein Kind, das quer durchs Klassenzimmer turnt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes verträumte Mädchen ADHS hat. Bei einer Diagnose geht es um das Gesamtbild und darum, ob sich entsprechende Schwierigkeiten über längere Zeit und in verschiedenen Lebensbereichen zeigen. Bei mir scheint genau das der Fall zu sein.

Vielleicht wurde früher vor allem gesehen, dass ich zurechtkomme. Nicht unbedingt, wie viel Energie mich dieses Zurechtkommen kostet.

adhs diagnose im erwachsenenalter

Eine Erklärung ist kein Freifahrtschein

Dieser Punkt ist mir besonders wichtig.

Die Diagnose soll für mich keine Ausrede sein. Natürlich kann ADHS erklären, warum mir bestimmte Dinge schwerfallen. Wenn ich ein anderes Zeitgefühl habe, Aufgaben vergesse oder Probleme damit habe, meine Aufmerksamkeit zu steuern, ist das eine Erklärung dafür, warum sich manche Situationen immer wiederholen.

Aber ich bleibe trotzdem für mein Verhalten verantwortlich.

Wenn ich jemanden verletze, kann ich mich entschuldigen. Wenn ich immer wieder etwas vergesse, kann ich nach Strategien suchen, die mir helfen. Und wenn andere unter meinem Verhalten leiden, reicht ein „Das liegt halt an meinem ADHS“ für mich nicht aus.

Gleichzeitig merke ich aber, dass ich auf der anderen Seite genauso aufpassen muss. Nicht alles, was mir schwerfällt, ist automatisch persönliches Versagen.

Vielleicht war ich in manchen Situationen einfach nicht faul oder undiszipliniert. Vielleicht musste ich mich an manchen Stellen tatsächlich stärker anstrengen, ohne zu wissen, warum. Vielleicht waren einige meiner Strategien nichts anderes als der Versuch, Schwierigkeiten auszugleichen, die ich selbst noch gar nicht verstanden hatte.

Meine Diagnose entbindet mich also nicht von der Verantwortung. Aber vielleicht nimmt sie mir ein Stück von der falschen Schuld. Und diesen Unterschied finde ich inzwischen unglaublich wichtig.

Ein bisschen Seelenfrieden

Trotzdem kamen nach der Diagnose Zweifel auf.

Ich hatte immer gehört, dass eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen nur über spezialisierte Stellen möglich sei und man teilweise jahrelang auf einen Termin warten müsse. Daher war ich zunächst überrascht, dass mein Psychiater die Diagnostik selbst durchführen konnte.

Hinzu kamen Menschen aus meinem Umfeld, die sagten, dass sie ADHS bei mir überhaupt nicht erkennen könnten. Ihrer Meinung nach wirkt eine Person mit ADHS deutlich aufgedrehter, impulsiver und vergesslicher.

Wenn eine Person, die man schon lange kennt, sehr überzeugt sagt, dass sie die Diagnose nicht nachvollziehen kann, macht das natürlich etwas mit einem. Plötzlich fragt man sich, ob man sich vielleicht getäuscht hat.

Dann versuche ich mir aber wieder bewusstzumachen, wie die Diagnose überhaupt entstanden ist. Ich bin nicht mit einer fertigen Selbstdiagnose zum Psychiater gegangen. Ich war wegen anderer Probleme dort. Er brachte den Verdacht auf, und danach folgten mehrere Gespräche, Testungen, Fragebögen und der Blick auf meine Zeugnisse und meine Lebensgeschichte.

Ich musste niemanden von ADHS überzeugen.

Vielleicht brauche ich trotzdem noch etwas Zeit, um die Diagnose selbst vollständig anzunehmen. Was ich aber jetzt schon merke, ist, dass sie meinen Blick auf meine Vergangenheit verändert. Nicht, indem sie alles entschuldigt oder Situationen nachträglich ungeschehen macht, sondern indem sie mir erlaubt, manche Dinge etwas weniger hart zu beurteilen.

Vielleicht habe ich nicht jedes Mal einfach nur versagt. Vielleicht hatten manche Dinge Gründe, die ich damals nicht kannte. Und genau deshalb kann ich Menschen verstehen, die sagen, dass ihnen eine späte Diagnose auch ein Stück Seelenfrieden gebracht hat.

Und jetzt?

Nun möchte ich vor allem herausfinden, welche meiner bisherigen Strategien mir tatsächlich helfen und welche mich unnötig viel Energie kosten. Eventuell brauche ich weiterhin meine Listen, Erinnerungen und eine sehr genaue Planung. Andererseits kann ich vielleicht lernen, mir das Leben etwas leichter zu machen.

Außerdem werde ich versuchen, meine ADHS-Symptome medikamentös behandeln zu lassen. Davor habe ich großen Respekt, da ich Medikamente normalerweise vermeide und mich schnell um mögliche Nebenwirkungen sorge. Trotzdem möchte ich dem Ganzen eine faire Chance geben.n.

Ich erwarte davon weder ein neues Leben noch ein plötzlich perfekt funktionierendes Gehirn. Wenn manche Dinge einfach ein bisschen leichter werden, wäre schon viel gewonnen.

Denn die Diagnose hat mich nicht verändert.

Das Chaos im Kopf, das Overthinking, das Vergessen, meine vielen Strategien, das schlechte Gewissen und die Angst, andere zu enttäuschen, waren vorher schon da. Jetzt habe ich möglicherweise nur eine bessere Erklärung dafür.

Ich möchte ADHS weder verstecken noch offen zur Schau stellen. Ich möchte lernen, besser damit umzugehen, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen und nicht mehr jedes Problem automatisch als persönlichen Charakterfehler zu betrachten.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich mit dieser Diagnose noch nicht am Ende meiner Suche bin. Einige Dinge lassen sich durch ADHS inzwischen sehr gut erklären, bei anderen bleiben jedoch noch Fragen offen. Deshalb habe ich mich auch für eine Autismus-Diagnostik auf eine Warteliste setzen lassen. Ob am Ende tatsächlich AuDHD, also eine Kombination aus ADHS und Autismus, dahintersteckt, wird sich zeigen.

Ich habe mich zunächst ganz bewusst nur in einer Praxis mit Schwerpunkt Neurodivergenz in meiner Heimatstadt auf die Warteliste setzen lassen. Mein Gedanke dahinter war ziemlich pragmatisch: Wenn ich hier vor Ort die Möglichkeit habe, muss ich nicht zusätzlich bei spezialisierten Stellen in anderen Städten auf Wartelisten stehen und dort vielleicht einen Platz blockieren, den jemand aus der jeweiligen Region dringender braucht.

Ja, ich weiß. Selbst bei einer Warteliste denke ich noch darüber nach, ob ich damit möglicherweise jemand anderem im Weg stehen könnte. Mein Kopf ist manchmal wirklich speziell.

Ich möchte mir da nichts selbst diagnostizieren und auch nicht zwanghaft nach einem weiteren Etikett suchen. Mir geht es eher darum, mich selbst besser zu verstehen. Wenn ich inzwischen eines gelernt habe, dann vielleicht genau das: Eine Diagnose verändert nicht das eigene Leben, sondern den Blick darauf.

Vielleicht ist die ADHS-Diagnose deshalb vor allem eines: ein weiteres Kapitel meiner persönlichen Bedienungsanleitung. Und vielleicht bin ich mit dem Lesen dieser Anleitung noch lange nicht fertig.

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Habt ihr selbst Erfahrungen mit einer späten ADHS- oder Autismus-Diagnose im Erwachsenenalter gemacht? Hat euch die Diagnose eher erleichtert, verunsichert oder vielleicht beides zugleich? Und wie lange musstet ihr auf einen Termin warten beziehungsweise wie lange hat die eigentliche Diagnostik bei euch gedauert? Mich würde wirklich interessieren, wie unterschiedlich die Erfahrungen damit sind.

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